Mittwoch, 7. Oktober 2015

PERSONAL: "Ich bin nicht glücklich, aber zufrieden."

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"Ich bin nicht glücklich, aber zufrieden."

Sie zuckt mit den Schultern und setzt die halbleere kalte Bierflasche an ihre warmen Lippen, nimmt einen Schluck. Ich neige meinen Kopf zur Seite, schaue sie an. "Reicht dir das? Willst du nicht glücklich sein?" Wir sitzen draußen, auf einer Treppe, die Bar, in der wir zuvor saßen, wurde bereits geschlossen. Es ist Dienstagnacht, es regnet, der Balkon über uns schützt uns vor der Nässe, dennoch greife ich mit meinen Armen um meinen Oberkörper, ziehe den Schal etwas höher in mein Gesicht. Unsere Blicke treffen uns, ihre grünen Augen sehen nicht traurig aus, aber auch nicht fröhlich wie ihre Sommersprossen, zufrieden vielleicht, aber eben nicht glücklich. "Weiß nicht.", sagt sie nun und blickt weg. 

Wir sind Mitte zwanzig und wissen, was es auf der Welt für Elend gibt. Wir wissen, dass Menschen trauern, sterben, leiden, Hunger leiden, Schmerzen leiden, wir sehen es in den Nachrichten, im Internet, genau neben uns, wir sehen die Flüchtlinge, wir reichen vielleicht auch eine helfende Hand. Aber wir sind eben auch Mitte zwanzig. Und Menschen. Mit Gefühlen und einem eigenen Leben. Und es ist okay, nicht glücklich zu sein. Es ist okay, sich nicht gut zu fühlen, obwohl man ein Dach über dem Kopf, vielleicht einen leeren Kühlschrank aber das Geld, sich etwas zu bestellen, und mehr als vier Paar Schuhe hat. Es ist okay. Und man darf darüber reden. 

In meinem BWL Studium habe ich gelernt, dass es einen Unterschied gibt zwischen "zufrieden", "nicht zufrieden", "unzufrieden" und "nicht unzufrieden". Das ist die Zwei-Faktoren-Theorie von Herzberg. Und ums Herz geht es hier eben auch. Auf unsere privaten Leben bezogen, passt der allgemeinere Unterschied zwischen "zufrieden" und "glücklich" ganz gut. Man muss erst einmal zufrieden sein, um glücklich zu werden. Und sollte das nicht unser größtes Bestreben sein? Glücklich sein? Hat man nicht im Laufe der Jugend auf die Frage "Was möchtest du später mal werden?" nicht mehr mit einem Beruf, sondern mit "Glücklich!" geanwortet? (Oder mit "reich", solche gibt es natürlich auch.) Aber wie geht das? Wie werden wir glücklich? Fehlt nicht immer irgendetwas? Ist Glücklich-Sein etwas, das anhält? Ein chronischer Zustand? Oder geht Glücklich-Sein nur momentan, nur vorübergehend, immer mal wieder? Ist man automatisch glücklich, wenn man "nicht unglücklich" ist? Oder ist man dann nur zufrieden? 

Wie findet man heraus, was einem vom glücklich sein abhält? Sind es Umstände, die man ändern kann? Eine Beziehung, die einem nicht mehr gut tut, eine Freundschaft, die einem Kraft raubt, ein Job, der einen nicht erfüllt, mehrere Kleinigkeiten, die zusammen kommen? Oder sind es Gedanken, Ängste, Zwänge, die man mit sich selbst ausmachen muss, die man überwinden muss, um dem Glück Platz zu machen? 

Was ist, wenn alles perfekt scheint, und man trotzdem nicht glücklich ist? Nicht unglücklich, aber nicht glücklich. Nur zufrieden. Reicht das?

So viele Fragen. Und wir wollten doch nur noch etwas Trinken gehen. 

Kommentare:

  1. Toller Text! Deine Worte bringen mich wirklich zum nachdenken..
    Melodramatischer Mittwoch gefällt mir übrigens gut :D
    Liebe Grüße,
    Celine von sur la lune

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  2. Hach, ich bin grad auch nicht glücklich, ich weiß nichtmal, ob zufrieden...ich bin...angepasst? Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist, aber irgendwie ist mir mein Glück abhanden gekommen. Leider sind das auch einfach exogene Faktoren, die ich nicht ändern kann, sodass ich mich damit arrangieren muss...aber ich würde bald wieder aus vollem Herzen sagen können glücklich zu sein. Wobei ich auch nicht unglücklich bin...arrrgh, ist das alles kompliziert.

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  3. "Glück" ist für mich nichts anderes als eine tiefe, innere, geerdete Zufriedenheit, die sich nicht von dem einen oder anderen Aspekt beirren lässt, der gerade vielleicht nicht so toll läuft. Ein glücklicher Mensch bin ich, wenn ich gestern eine schmerzhafte Erfahrung gemacht habe, aber heute trotzdem nicht anders kann, als mich von der Herbstsonne gewärmt und befreit zu fühlen. Weil ich es der Welt gar nicht übel nehmen kann. Weil es mir sonst gut geht (ich "zufrieden bin", wenn man so will). Auch wenn mir vielleicht noch ein bisschen mulmig zumute ist. Das Problem entsteht glaube ich dann, wenn man "Glück" als "alles ist perfekt" definiert. Denn dann ist es wirklich so: Das gibt es nur zeitweise. Aber diese Art von Höhenflug ist auch eher ein Rausch als ein Lebensgefühl, oder?

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  4. Was für ein toller Text.
    Habe ihn gleich 2 Mal gelesen, da so viel schöne und irgendwie doch traurige Wahrheit drinsteckt.
    Die Angst davor niemals richtig glücklich sein zu können hat mich schon so einige Nächte um den Schlaf gebracht und man möchte von heute auf morgen alles ändern, dabei sind es eben kleine Schritte, die erst zufrieden machen und dann immer mehr zum Glücklichsein werden.
    Sehr schöne Worte, liebe Julia!
    Herzliche Grüße,
    Anita
    www.anischu.com

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  5. Bam. Jetzt hätte ich nicht wenig Lust auch mal mit dir ein Bier zu trinken. Es gibt zig Texte, drölftausend Listen, unzählige Fotostrecken darüber, in welcher Krise man sich mit Mitte zwanzig befindet, was die Probleme der generation Y sind. Aber am Ende kann man alles auf diese eine Frage runterbrechen. Und genau diese Frage werden sich auch die Generationen nach uns wieder stellen, egal wie man sie dann nennt. Was ist Glück. Als wir jünger war hatte man eine recht simple Vorstellung davon, was Glück ist. Wie naiv wir waren. Jetzt mit Mitte zwanzig hängt der Weltschmerz so sehr an einem, dass man sich fast dafür schämt. Und jeden Tag, ob es nun einer von den Guten ist, oder einer von denen, an denen alles ein wenig dunkler ist. Jeden Tag stellen wir uns die Frage: was ist Glück? Und der Gedanke an Glück bringt die größte Melancholie hervor.

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  6. Das trifft auf meinen aktuellen Gemütszustand zu. Fragen über Fragen und man erkennt leider nicht, an welchem Punkt man etwas ändern sollte. Reicht ein Bereich im Leben, den man ändern sollte? Oder sind es mehrere? Wahrscheinlich sollte man sich einfach trauen und anfangen, etwas zu ändern.

    <3

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  7. der text hat mich sehr zum nachdenken gebracht...echt toll geschrieben.:)
    liebe grüßeg,abi :)

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  8. Das ist wirklich ein toller Text von dir!

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  9. Ich glaube das Problem ist, dass die meisten Menschen 'Glück' als einen dauerhaften Zustand betrachten, und dadurch enttäuscht werden. "Glücklich sein" ist ein Gefühlszustand, genauso wie "Traurig sein", "Müde sein", "Genervt sein". Sind wir das dauerhaft? Nein. Ich selbst habe schon so oft gedacht "wenn dies oder jenes passiert, dann bin ich glücklich. Mehr will ich gar nicht". Und wenn dieses Ziel dann erreicht wurde, blieb das dauerhafte Glück trotzdem aus. Zufrieden sein ist toll! Dankbar sein ist toll! Man sollte versuchen, sich das Glücksgefühl so oft wie möglich zu verschaffen, denn ich glaube nicht das es anhält.

    Liebe Grüße,
    Nili von Mindbroken.de

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  10. Super schöner Text. Trifft im Moment genau auf meine Gedanken zu! :-)

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I love reading your comments. Thank you <3

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